Pater Prior Henrik

Prior und Gastpater ist Pater Henrik für die Geschicke in unserem Kloster verantwortlich. 

Der junge Mann beobachtet ihn genau. Wie er die Johannisbeeren pflückt, ganz versunken in seine Arbeit: Sein Habit und seine Schuhe wirken abgetragen. Seine Lippen bewegen sich nur wenig und er bemerkt: Abt Kassian betet. Ein Mann in seiner Stellung – ist er ja einem Bischof kirchenhierarchisch gleichgestellt – arbeitet und betet bei den Johannisbeersträuchern zusammen mit seinen Mitbrüdern. Das war der Moment, in dem der junge Novizenanwärter Henrik wusste: Hier möchte ich bleiben. Das ist es, was ich will. Denn er war zwei Tage zuvor nach einer langen Autoreise aus Kroatien im Kloster Mehrerau angekommen und wollte eigentlich wieder gehen. Doch der kroatische Mitbruder, der ihn nach Bregenz gebracht hatte, bat ihn, bis Maria Himmelfahrt zu bleiben. An jenem besagten Vormittag hatte ihn Abt Kassian gebeten, ihn und seine Mitbrüder in den Garten zu begleiten. Das war im Jahr 1998.

 

Lehrreiche Jahre

So begann sein Noviziat in Bregenz. Zum Studium schickte ihn Abt Kassian nach Einsiedeln in die Benediktinische Theologische Schule. „Ich schrieb meine Arbeiten und mit meinem Philosophieprofessor übersetzte ich jedes Wort, jeden Satz. Er nahm sich Zeit für mich und hatte viel Geduld. Das war die beste Schule für mich, um Deutsch zu lernen“, erzählt Pater Prior, der bis zu diesem Zeitpunkt „nur“ Englisch, Latein und Kroatisch konnte. Nach Einsiedeln folgten weitere lehrreiche Jahre: am Päpstlichen Liturgischen Institut San Anselmo in Rom, als Lehrer für Religion aber auch als Soldat im kroatischen Militärdienst.

 

Ein Mönch in der Wissenschaft

Ab Februar 2010 war der damalige Pater Henrik am kroatischen historischen Institut in Wien tätig und übernahm im Dezember 2011 mit 31 Jahren die Direktion des „Instituts für die wissenschaftliche Forschung und künstlerische Arbeit der Kroatischen Akademie der Wissenschaft und Künste in Vukovar“. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, in die er viel Herzblut legte. Der engagierte junge Mann war außerdem geistlicher Begleiter für kroatische Kriegsveteranen und Präsident des Roten Kreuzes in Vukovar. „Es war eine wundervolle Zeit voller Tatendrang. Ich war jung, machte viele Bekanntschaften und konnte Vieles und Schönes bewirken. Doch ich spürte immer stärker eine Sehnsucht nach Gott und der klösterlichen Einfachheit. Ich war ja Mönch – aber eben nicht im Kloster. Je mehr Zeit verging, umso mehr fühlte ich diese Diskrepanz und fragte mich: Lebe ich, was ich will oder lebe ich meine Realität? Meine Offenbarung hatte ich beim Grab des Heiligen Antonius in Padua. Ein Freund, der nach Afghanistan ging, bat mich für ihn zu beten. Im Gebet erkannte ich mich in Antonius wieder: Einem vielseitig beschäftigten Priester aus gutem Haus, der das Privileg hatte, sein Wissen und seinen Glauben weiterzugeben und der doch in der vollen Einfachheit und Armut lebte. Antonius öffnete sich für den Willen Gottes und so tat ich es auch“, sagt Pater Prior.

 

Der Kreis schließt sich

Die Versuche, in Kroatien das Kloster neu zu beleben misslangen. Deshalb schlug ihm der damalige Abt Anselm vor, nach Bregenz zurückzukehren. Das war im Jahr 2016. Er betraute Pater Henrik mit den Aufgaben des Bibliothekar und des Archivar und stellte ihn als Hilfe dem Bruder Gärtner zur Seite. „Ich kam also zurück in den Garten, in dem für mich alles angefangen hatte. Und ich wusste und spürte‚ hier bin ich daheim – ich bin angekommen, im geistlichen und im monastischen Sinn.“ Es war ein Prozess der Reifung und der vollen Wahrnehmung des Jetzt.

 

Pater Henrik wird Prior

Mit der Wahl des Abtes 2018 wurde auch er von seinen Mitbrüdern zum Prior des Klosters Mehrerau vorgeschlagen und vom Abt bestätigt. „Ich möchte meinen Mitbrüdern und Abt das Vertrauen, dass sie mir geschenkt haben, auch gewissenhaft beweisen. Als Prior sorge ich mich um alle meine Mitbrüder und um das Kloster. Diese Verantwortung hat mich verändert: Es ist eine innere Wandlung – Grenzen angehen im Lichte des Evangeliums und vor Gott und den Mitmenschen“, sagt Pater Prior Henrik. Neben der Verantwortung als Prior kümmert er sich auch um Gäste, die ins Kloster kommen. „Nach der Regel des Heiligen Benedikt sollen sich alle Gäste wohlfühlen und durch uns zu Christus kommen. Wenn dies gewünscht ist, begleiten wir unsere Gäste auch geistlich. Wir wollen Gott näherbringen, ihn in der Natur erkennen lassen und gemeinsam am Herrn wachsen. Da entwickelt sich das ein oder andere und wir tauschen uns aus“, führt er aus.

Wie und wo geht die Reise weiter? Seine Ziele als Prior, Mönch und Mensch sind die Vertiefung in der Zisterzienserspiritualität, der Beichtdienst und der breitere Bereich des Suchens. Vor allem aber Entgegenkommen und Wegweiser geben. „Für das brauche ich den Raum der Stille, den mir das Kloster bietet“, beschreibt Pater Prior Henrik.

Pater Prior Henrik Damjanovic
Pater Prior Henrik Damjanovic
Prior und Gastpater, Bibliothekar und Archivar