Die elektronische Katalogisierung des historischen Buchbestands der Klosterbibliothek Wettingen-Mehrerau

Trotz Massendigitalisierungsprojekten wie „Google Books“ des amerikanischen Monopolisten Google Inc. stellt die elektronische Katalogisierung historisch bedeutsamer Buchbestände durch Einzelbibliotheken weiterhin eine Notwendigkeit dar. Zwar stehen Kataloge zum Nachweis Alter Drucke von zahlreichen Bibliotheken aus dem In- und Ausland bereits über Meta-Suchmaschinen wie dem Karlsruher Virtuellen Katalog im Internet zur Verfügung. Die seit Dezember 2014 fortgeführte Erfassung der historischen Bestände der Klosterbibliothek Wettingen-Mehrerau zeigt aber deutlich, dass mit der Erschließung und Zugänglichmachung weiterer kleinerer und mittlerer Sammlungen ein großer Mehrwert verbunden ist. Nicht nur tauchen vereinzelt historische Werke auf, die noch in keinem deutschsprachigen oder überhaupt einem Katalog verzeichnet wurden. Das Projekt illustriert auch die Problematik sogenannter „Dubletten“, also vermeintlicher Doppelungen in historischen Beständen. Denn selbst textidentische Exemplare unterscheiden sich in der Regel in Bezug auf Einbände, handschriftliche Einträge und Besitzvermerke, sodass die Erfassung jedes einzelnen Werks wichtig bleibt.

Illustriert werden kann dies am Beispiel des „Caeremonial oder Closterliche Gebrauch der Barfussigen Carmeliterinnen“ von 1663 mit Anweisungen zum Gottesdienstzeremoniell des Ordens der Unbeschuhten Karmelitinnen. Das in der Klosterbibliothek Wettingen-Mehrerau vorhandene Exemplar unterscheidet sich von dem der Bayerischen Staatsbibliothek München durch das dort fehlende Frontispiz mit einem Kupferstich-Porträt der Verfasserin, Anna von Ascensione. Die in der Mehrerau aufbewahrte Ausgabe verfügt außerdem über zusätzlich eingebundene Seiten mit handschriftlichen Notizen des ursprünglichen Buchbesitzers.

Die elektronische Katalogisierung von Büchern durch Bibliotheken erfolgt im Gegensatz zum bloßen Scannen durch „Google Books“ nach wissenschaftlichen und bibliothekarischen Kriterien. Google stellt die Scans zur Verfügung, verzichtet aber auf die Bereitstellung von Metadaten. Diese müssen vom Nutzer über das Titelblatt selbst ermittelt werden. Bibliotheken hingegen liefern die Metadaten durch die formale Erschließung von Büchern in Hinblick auf Titel, Autor, Erscheinungsort und -datum als Grundinformationen. Sie erleichtert dem Nutzer dadurch die Arbeit, was besonders für die Besonderheiten und Probleme Alter Drucke gilt. Bei lateinischsprachigen Werken ist etwa die moderne Sprachform des Erscheinungsorts häufig nicht unmittelbar erschließbar oder das Erscheinungsjahr muss aus dem Text eruiert werden. Diese Arbeiten übernimmt der Katalogisierer für den Nutzer.

Über die bei der Katalogisierung zusätzlich vorgenommene Erfassung der Besitzvermerke in historischen Drucken – und damit von deren Provenienz – wird auch ein Beitrag zur Geschichte der jeweiligen Bibliothek selbst und der Herkunft ihrer Sammlungen geleistet. Im Bereich der Klosterbibliotheken zeigen sich dabei besonders die Beziehungen zwischen verschiedenen Klöstern. Zahlreiche historische Werke aus der Mehrerau stammen ursprünglich aus Schweizer Klöstern von verschiedenen Orden, darunter das Prämonstratenserkloster in Churwalden oder das Benediktinerkloster Engelberg.

Von Interesse ist außerdem die Vielschichtigkeit der Besitzgeschichte einzelner Werke, die mehrfache Provenienzvermerke aufweisen. So finden sich in einer Ausgabe des Römischen Breviers (Stundenbuch) von 1850 drei unterschiedliche handschriftliche Exlibris. Demnach gehörte das Buch zuerst dem Pfarrer Josef Anton Wörner in Deuchelried, der es 1855 an den Sankt Gallener Kollegen Franz Xaver Kreutzer verschenkte. Aus dessen Nachlass gelangte es 1879 in den Besitz von Konrad von Kleiser.

Insgesamt soll die elektronische Katalogisierung historischer Buchbestände nicht nur den Zugang für Forscher zu den Werken an sich ermöglichen, sondern auch die Grundlage zur Erforschung der jeweiligen Bibliotheken und ihrer Geschichte bilden. Dazu gehört neben der Formalerschließung und Provenienzforschung auch die knappe Beschreibung der äußeren Beschaffenheit der Werke und eventueller Beschädigungen und vorgenommener Veränderungen.