500 Jahre Utopia

von Thomas Morus (1478-1535)

Aufstieg und Fall

Was bewegt einen Menschen, der nur eine Unterschrift unter ein Schreiben des Staatsoberhauptes setzen bräuchte, um dem Henker zu entgehen und dies trotzdem ablehnt? Auch mehrere Jahrhunderte nach der Hinrichtung des englischen Staatsmannes und Humanisten Thomas Morus (1478-1535) wegen Hochverrats beschäftigen uns immer noch Fragen, die mit seinem Leben und Werk in Verbindung stehen. Morus (latinisiert, eigentlich ´More´) kam dem damaligen, schon zu Lebzeiten äußerst umstrittenen, englischen Herrscher Heinrich VIII. in die Quere, weil er sich vehement weigerte, den König auch als geistliches Oberhaupt der Kirche in England anzuerkennen. Gekommen war es dazu, weil Papst Clemens VII. die Forderung Heinrichs zurückwies, seine Ehe mit Katharina von Aragon aufzulösen, um ihm den Weg für eine neue Ehe mit seiner Mätresse Anne Boleyn freizumachen. Dieser Beitrag macht sich auf die Spuren eines ungewöhnlichen Mannes, der als Verfasser des Buches Utopia in die Literatur- und Philosophiegeschichte eingegangen ist und dessen höchste Instanz sein eigenes Gewissen war. In unserer Zeit, in der viele Menschen nach Halt und Orientierung suchen, kann die Auseinandersetzung mit Thomas Morus den Blick öffnen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Eine Ausnahmeerscheinung

Thomas Morus wird am 7. Februar 1478 in London geboren. Sein Vater übt das Amt des Londoner Sheriffs aus, was nicht ohne Einfluss auf seinen späteren beruflichen Werdegang bleibt. England im ausgehenden 15. Jahrhundert ist geprägt von Not und Elend, verursacht durch lange Kriege und die grauenhafte Pest, der auch seine Mutter zum Opfer fällt. Als Knabe kommt er in die Lateinschule St. Anthony, in der er das Rüstzeug klassischer Bildung vermittelt bekommt. Morus perfektioniert seine Lateinkenntnisse derart, dass Latein quasi zu seiner zweiten Muttersprache wird. Er dient als Page beim einflussreichen Kardinal und Lordkanzler John Morton, dem Erzbischof von Canterbury. Die Zöglinge unterliegen einer strengen religiösen Erziehung mit einer klosterähnlichen Tagesstruktur. Eine Karriere als Geistlicher scheint vorgezeichnet und er beginnt im Alter von 14 Jahren das Studium der Theologie und der freien Wissenschaften in Oxford. Sein Vater macht ihm einen Strich durch die Rechnung und veranlasst ihn, dieses Studium abzubrechen und in London Recht zu studieren. Auch hier brillierte Thomas Morus angesichts seines Scharfsinns und seiner außergewöhnlichen analytischen Begabung. Er absolviert die Ausbildung zum Rechtsanwalt und lässt sich um 1500 als Anwalt nieder. In dieser Zeit begegnet er dem großen Humanisten und Gelehrten Erasmus von Rotterdam (1466-1536), mit dem er sich anfreundet und der ihm sein 1509 erschienenes Werk „Lob der Torheit“ widmet. 1510 wird er Mitglied des ersten Parlaments von Heinrich VIII. Er empfiehlt sich für höhere politische Aufgaben und wird zum Under-Sheriff von London berufen. Von da an führt ihn seine politische Karriere bis in das höchste politische Amt des Lordkanzlers. Thomas Morus ist allerdings nicht nur ein Mann der Wissenschaft und der schönen Künste, sondern auch ein ausgeprägter Familienmensch. Dies dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb er sich nicht für ein Leben im Kloster, dessen Lebensideale ihn nachhaltig prägen, entschied. Auch seinen drei Töchtern und dem Sohn kann er die Bedeutung von Gelehrsamkeit vermitteln. Seine älteste Tochter Margaret entwickelt sich zu einer überaus gelehrten Frau, was in der damaligen Zeit aufgrund der starken Benachteiligung von Frauen bemerkenswert war.

Meisterwerk des politischen Denkens

Das Werk, in Latein geschrieben, gliedert sich in eine Vorrede, ein erstes und ein zweites Buch und ist Erasmus von Rotterdam gewidmet. Der Buchtitel „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ (Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia) verweist auf seinen zentralen Gegenstand, nämlich wie gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren könnte. Als Rahmenhandlung dient eine wahre Begebenheit. Thomas Morus reist 1515 als Gesandter des englischen Königs nach Brügge, um an Verhandlungen über Handelsstreitigkeiten mit dem Herzog von Flandern, dem späteren Kaiser Karl V, teilzunehmen. In einer Verhandlungspause reist Thomas Morus nach Antwerpen und trifft dabei auf seinen alten Freund Petrus Aegidius. Dieser stellt ihm den (fiktiven) Philosophen und portugiesischen Seefahrer Petrus Hythlodäus (übersetzt „der Unfug redet“) vor, der - so will es die Erzählung - Amerigo Vespucci auf mehreren seiner ausgedehnten Seereisen begleitet hat. Darauf ziehen sich die Drei zu einem ausführlichen Gespräch zurück, das stark an einen Dialog Platons erinnert. Das erste Buch beschreibt und kritisiert die soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in England zu Beginn der Neuzeit. Morus übt überaus harsche Kritik an der Besitzgier der Aristokraten und kirchlichen Würdenträger, die immer mehr Menschen in die Armut treibt. Nicht mehr das Gemeinwohl steht im Zentrum der politisch Verantwortlichen, sondern ihr Eigeninteresse. Morus verwendet dabei das Bild von menschenfressenden Schafen: „Eure Schafe, die so sanft zu sein und so wenig zu fressen pflegen, haben angefangen so gefräßig und zügellos zu werden, daß sie die Menschen selbst auffressen und die Äcker, Häuser, Familienheime verwüsten und entvölkern.“ Hintergrund war die starke Zunahme der Schafzucht zur Erzeugung von Wolle, die den Kleinbauern immer weniger Ackerfläche für ihre eigene Existenz ließ und ihre Lebensgrundlage zerstörte. Im Mittelpunkt des zweiten Buches steht der Reisebericht des Raphael Hythlodäus über die Insel Utopia. Diese besteht aus 54 Städten, Hauptstadt ist Amaurotum. Die utopische Gesellschaft ist in Familienverbänden organisiert, mit jeweils einem Phylarchen (Vorsteher) an der Spitze. Alle Utopier sollen gut ausgebildet sein und ihren Dienst in das Gemeinwohl stellen. Sechs Stunden Arbeit am Tag genügen. Nicht der Einzelne und seine Interessen stehen im Vordergrund bei Morus` Entwurf eines idealen Staates, sondern die Gemeinschaft und ihr Wohlergehen. Nicht zu übersehen ist hier das Ideal des klösterlichen Lebensmodells, das Morus an mehreren Stellen des Buches vor Augen hat.

Brisante Aktualität

Im Land der Utopier gibt es kein Privateigentum, eine für damalige Verhältnisse revolutionäre Idee. Es soll kein Anreiz geschaffen werden, Besitz anzuhäufen. Morus`wird deshalb auch als Vorreiter von kommunistischen und sozialistischen Gesellschaftsentwürfen gesehen. Zwischen Thomas Morus und Karl Marx bestehen Parallelen hinsichtlich der Analyse gesellschaftlicher Missstände und der vorgeschlagenen Maßnahmen, diese zu beseitigen. Letztlich trieb Morus, wie lange vor ihm schon Platon in seiner „Politeia“, die Frage um, wie die Menschen unter dem Aspekt der Gerechtigkeit ein glückliches und erfülltes Leben führen können und welche politische Ordnung ein Staat haben muss, um dies zu gewährleisten. Thomas Morus plädiert für religiöse Toleranz und ist seiner Zeit weit voraus. Der persönliche Glaube ist Sache des Einzelnen und soll keinem institutionellen Zwang unterliegen. Auch wenn Morus den christlichen Glauben favorisiert, so lässt er keinen Zweifel daran, dass Bildung und Rationalität den Weg zu einer friedlichen Gesellschaftsordnung ebnen. Im Angesicht eines hochspekulativen Wirtschaftssystems und einer exzessiven Konsumorientierung, in denen Profit und Genuss die treibenden Kräfte in einer Gesellschaft sind, erhält das Buch Utopia 500 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen eine neue, brisante Aktualität.

Dr. Karlheinz Lauda